Daten, Kraken & Profile – Über die Ausstellung „The Influencing Machine“ in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst

Prompt wenn zu Weihnachten wieder unzählige Smartphones über die Ladentheke wechseln, zeigt die Neue Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin eine Ausstellung, die einen kritischen Blick auf die Auswirkungen der allumfassenden Datensammlung wirft. Hier geht es um die Macht der Algorithmen und Bots, die – so die These – immer schon Ausdruck historisch gewachsener Interessen, und damit auch politischer Macht sind.

Oder in den Worten der Kuratorin Tahani Nadim:

„The exhibition seeks to address recent debates on the manipulations of socio-political processes (particularly elections) by bots, automated processes programmed to interfere in online networks and communications. We are interested in extending the available vocabulary and imagination for talking and thinking about the phenomenon of “political bots” in a two-fold manner: Firstly, by focusing on the socio-material dimensions of “bots” (infrastructures, labour processes, historical narratives) and secondly, by suggesting that technologies such as bots are always already political, that is, they are the articulation of historically specific interests and positions.“

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„All Systems Go“, Vladimir Cajkovac, 2017. Einhundert Haikus, die über die Amazon-Plattform „Mechanical Turk“ produziert wurden.

Dieser komplexe Anspruch wird in der Ausstellung anhand künstlerischer Positionen, durch dokumentarische Präsentationen, aber auch spielerisch durch interaktive Anwendungen umgesetzt. So bekommen Besucher in der Ausstellung die Möglichkeit zur Reflexion: Wie sorglos gehen wir eigentlich mit unseren Daten um, welche großzügigen Rechte räumen wir Anwendungen eigentlich ein und wie effektiv lassen sich anhand entsprechender Algorithmen Profile der Nutzerinnen und Nutzer erstellen. Es wird gezeigt, dass – wie bei den letzten US-Wahlen – durch social-Bots politischer Einfluss auf breite Schichten der Wählerschaft genommen wird. In einer Animation der Gruppe „Tactical Tech“ wird dann der Zusammenhang zwischen Datensammlung, Profiling und Wahlbeeinflussung exemplarisch vorgeführt.

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„Daten und Wahlen“, Tactical Tech, 2018

In „A Drop in the Ocean“ (ebenfalls „Tactical Tech“) können Besucher einen Test absolvieren, der ein bestimmtes Grundmuster ihres Verhaltens identifiziert und durch das dann z.B. Wahlwerbung personalisieren lässt.

Dabei wird den Besuchern nach und nach schummerig, wenn deutlich wird, wie effektiv anhand schon weniger Informationen charakteristische Profile erstellt werden können, die dann wiederum Einfluss darauf haben, welche Information man überhaupt noch zu sehen bekommt. Jeder Selfie, wird erklärt, kann bereits dazu verwendet werden, ein facial profile zu erstellen, mit Hilfe dessen nicht nur Identität, sondern auch Emotionen mess- und auswertbar werden. Das, was unser Leben scheinbar so viel einfacher und bequemer macht – die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation – hat also auch immer Schattenseiten, die allzu häufig ausgeblendet werden. So weit scheint das Thema bekannt.

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„Das echte Leben oder dein Selfie“, Tactical Tech, 2018

Das Szenario einer allumfassenden Beeinflussung und lautlosen Kontrolle übertrifft dabei die noch recht plumpen technischen Phantasien eines George Orwell. Gleichzeitig, und auch das wird den meisten Besuchern klar sein, ist es gerade die Effektivität der Algorithmen, die ihren großen Erfolg erklärt. Ist es für eine Versicherung nicht beinahe zwingend, die Wahrscheinlichkeit eines Betrugsversuches mithilfe von Big Data-Analysen zu optimieren, ist es nicht für Banken sinnvoll, die Kreditwürdigkeit der Kundschaft eben nicht menschlichem Ermessen zu überlassen, macht es nicht Sinn, sich mithilfe von Algorithmen auch gegen terroristische Anschläge zu schützen? Die Ausstellung stellt dabei die kritische Frage, wie damit umgegangen werden soll, wenn solche Algorithmen schließlich doch nicht unfehlbar sind.

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Still aus „Reach, Grasp, Move, Position, Apply Force, Kajsa Dahlberg, 2015.

Ein weiterer Schwerpunkt der Schau sind die Folgen der Optimierungsbestrebungen (Starkes Kapitel: Reach, Grasp, Move, Position, Apply Force von Kajsa Dahlberg) und deren Auswirkungen auf Menschen. So kommen ArbeiterInnen bei Amazon zu Wort, die beschreiben, wie Optimierungsprozesse (durch Methods-Time-Measurement) das Pensum dessen, was standardmäßig im Werk geleistet werden soll, bis ins Extrem steigern. Dass pro 30 Sekunden ein Artikel gefunden und abgelegt werden muss (120 Stück pro Stunde!), um ein durchschnittliches Pensum zu schaffen, ist dabei nur ein Detail eines weitgehend entmenschlichten, auf Profitmaximierung gerichteten Systems. Ausbeutung geschieht auch durch sogenannte „Mechanical Turks“, das zeigt die Arbeit „Seed Drawings“ von Clement Valla, durch die standardisierte Arbeitsprozesse durch Beauftragung der Crowd (oft in Drittweltländern) lediglich auf Cent-Niveau bezahlt werden. Auch die sogenannten Content-Moderatoren bei Facebook bekommen in der Ausstellung eine Stimme. In anonymisierten Interviews wird deutlich wie stark die Entscheidungen darüber, welche Einträge gelöscht werden sollen eben nicht ethischen Maßgaben, oder nachvollziehbaren Standards folgen, sondern oft von undurchsichtigen Konzerninteressen geleitet werden.

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„Seed Drawings“, Clement Valla, seit 2011

Die Ausstellung schafft so einen aufklärerischen Grundton, ohne sich dabei allzu pädagogisch anzufühlen. Viele der ausgestellten Arbeiten laden zum genauen Hinsehen, oder Hinhören ein. Nicht alles erschließt sich auf den ersten Blick, doch das begleitende Textheft hilft an mancher Stelle die Zusammenhänge und künstlerischen Positionen deutlicher werden zu lassen.

„Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“, hat Erich Honnecker einst als geflügeltes Wort verbreitet. Die an vielen Stellen scheinbar unkontrollierbaren Kräfte, die mit der Digitalisierung einhergehen, scheinen ebenfalls eine kaum zu bändigende Eigendynamik zu haben, die angesichts der schier unendlichen Anwendungsmöglichkeiten nur noch selten kritisch reflektiert werden. Zu groß und strahlend scheint das Heilsversprechen auf so vielen gesellschaftlichen Feldern. Der durchschnittliche Nutzer klickt dann im Zweifelsfall eben auf „Nutzungsbedingungen akzeptieren“, ohne sich im Einzelnen darüber zu sorgen, welche Auswirkungen jede solcher gedankenloser Entscheidungen haben kann, welche Daten von jetzt an mitgelesen werden. Allen, die sich kritisch mit diesem Themenfeld auseinandersetzen mögen, sei diese Ausstellung also sehr ans Herz gelegt.

01. Dezember 2018 – 20. Januar 2019, Eintritt frei. Weitere Informationen

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„Stories about Frames“, Fokus Grupa, 2015
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